„Hält dein Herz die Nähe aus, oder bin ich dir zu nah?“, fragt die Sängerin Alin Coen in ihrem Song „Die Nähe“. Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen Kontakte, sie genießen Berührungen. Von Geburt an existiert ein natürliches, emotional tiefes Verhältnis zu den Eltern. Aber gibt es – wie Coen in ihrem Lied fragt – Herzen, die die Nähe nicht aushalten? Gibt es Menschen, denen man zu nahe kommen kann? In der Psychologie und Angstforschung lautet die Antwort ja. Bindungsangst ist eine anerkannte Form der Angststörung. Sie äußert sich durch spezifische Verhaltensweisen. Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass Menschen Angst vor Nähe entwickeln und große Schwierigkeiten haben, eine enge Beziehung mit anderen Menschen einzugehen.
Ursachen
Welche Ursachen gibt es dafür, dass ein enges Verhältnis zu anderen bei einigen Menschen Angststörungen auslöst? Zunächst einmal kann die Angst, verletzt zu werden, als Ursache genannt werden. In sozialen Beziehungen lassen Menschen sich aufeinander ein, es entsteht ein Vertrauensverhältnis. Dieses ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Vertrauen ist wichtig, gibt Kraft und schützt vor Gefahren. Es ist das Gefühl, sich auf andere verlassen zu können, nicht allein zu sein und Rückhalt zu haben. Aber eine Vertrauensbasis bedarf auch einer persönlichen Öffnung. Nur durch Ehrlichkeit und gewisse Hingabe kann eine stabile Beziehung aufgebaut werden. Aber was ist, wenn jemand schlechte Erfahrungen innerhalb eines Bindungsverhältnisses gemacht hat? Zum Beispiel durch Missbrauch oder die Zurückweisung durch die eigenen Eltern? Oder gar durch die Trennung vom Partner? Dann kann es vorkommen, dass jemand nicht mehr so leicht ein enges Verhältnis zu anderen aufbauen kann – aus Angst vor erneuter Zurückweisung. Aber auch fehlendes Selbstbewusstsein oder ein negatives Bild von einem selbst kann dazu führen, dass sich jemand als nicht liebenswert betrachtet und das auf den Partner projiziert und ständig fürchtet, allein gelassen zu werden.
Symptome
Je enger die Beziehung wird, desto mehr Panik bekommen Betroffene. Sie fühlen sich eingeengt und fürchten sich davor, fallen gelassen zu werden. Eine intensive Beziehung kann dann zum Wunsch nach Abstand führen – oder zur Trennung. Es gibt Fälle, in denen sich Bindungsphobiker bewusst Partner aussuchen, mit denen keine lange Beziehung möglich ist oder erwartet wird. Oder sie gehen erst gar kein engeres Verhältnis ein und begründen dies damit, dass sie einfach niemanden finden, der ihren Erwartungen entspricht. Ein Symptom ist, dass jemand immer mehr aus der alltäglichen Beziehung flieht. Dies kann sich sowohl durch innerlichen Rückzug, als auch durch das bewusste Fernbleiben äußern. Bindungsphobiker legen häufig großen Wert auf Freiraum. Sie legen sich ungerne fest und versuchen immer, sich ein Gefühl von Unabhängigkeit zu wahren. Ein Weg, Distanz zu wahren ist Streit. Durch Diskussionen und Reibungspunkte wird immer wieder die Nähe unterbrochen. Angst vor Nähe ist eine spezifische Ausprägung der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Diese äußert sich sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen, als auch in der Selbstwahrnehmung. Sie kann sich durch ein negatives Verhalten im Umgang mit anderen zeigen. Symptome können Depressionen und selbstverletzendes Verhalten sein. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zählt nach Meinung einiger Wissenschaftler zu den posttraumatischen Belastungsstörungen, was die These erhärten würde, das vorangegangene zwischenmenschliche Erfahrungen zur Angst vor Nähe führen können. Allerdings ist die genaue Einordnung dieser Störung umstritten. Interessant ist, dass Bindungsphobiker gleichzeitig auch das Alleinsein fürchten und diese beiden Ängste damit parallel auftreten. Festzuhalten bleibt – kurz gesagt –, dass sich die Angst vor Menschen sowohl im Verhalten (Abwesenheit, Streitsucht usw.), als auch innerlich (Depressionen, verschiedene Zwänge usw.) zeigen kann.
Diagnose
Die Symptome von Beziehungsangst sind vielseitig. Damit gilt aber auch, dass nicht alle, auf die einige dieser Symptome vielleicht zutreffen, Angst vor Nähe haben. Eine Diagnose sollte ein Arzt stellen. Dennoch kann jeder sich selbst beobachten und auch beurteilen, inwiefern sein zwischenmenschliches Verhalten problematisch ist und ob sich die Furcht davor, verlassen zu werden, extrem äußert.
Therapie
Zuletzt stellt sich die Frage, wie die Angst vor Nähe überwindet werden kann. Dazu ist es zunächst wichtig, sich selbst klar zu werden, dass es mögliche Gründe für das eigene Verhalten gibt. Dass Betroffene diese wiederum auch finden und aufarbeiten können. Eine Bindungsangst muss sich nicht einstellen, sie muss nicht zwangsläufig zum Leben gehören. Menschen, die unter der Angst vor Nähe leiden, sollten nur wissen, dass dagegen etwas getan werden muss. Oft ist es – wie oben bereits geschrieben – auch das Bild, das sie von sich selbst haben, das weitere Schritte verhindert oder die Hoffnung auf eine Änderung nicht zulässt. Eine positive Selbstwahrnehmung ist der erste Schritt zum Erfolg. Es hilft, sich einzugestehen, dass etwas aufgearbeitet werden sollte – dass es nicht so fatal ist, wie man es empfindet. Die Aufarbeitung von vergangenen Erfahrungen gelingt häufig nicht allein. Eine Möglichkeit ist, sich bei einem Psychotherapeuten Hilfe zu suchen. Eine andere bieten Selbsthilfegruppen. Es gibt auch anonyme Treffen, bei denen Betroffene sich aussprechen und ihre Erfahrungen untereinander austauschen können.